ERSTE STUNDE
Von Jörg Menke-Peitzmeyer | Theater im Klassenzimmer | 13+ | 45 min
Täter sind auch nur Opfer?
Ein neuer Mitschüler steht vor der Klasse. Er gibt den Jugendlichen fünf Minuten, in denen sie mit ihm machen können, was sie wollen: ihn Arschloch nennen, verprügeln, den Rucksack wegnehmen – all das würde er ohne Gegenwehr über sich ergehen lassen. Nach einer von Mobbing geprägten Odyssee durch mehrere Schulen ist diese riskante Offenheit sein Versuch, sich aus dem Opfer-Dasein zu befreien. Das zweifelhafte »Experten«-Wissen im Rucksack, dreht er nun den Spieß um und will das Überraschungsmoment nutzen. Ob es hilft?
Der provokante Monolog von Jörg Menke-Peitzmeyer spricht die Zuschauer in ihrer Rolle als Mitschüler direkt an. Er zeigt in 45 Minuten die existentielle Suche nach einem Ausweg für die Opfer, die Täter und die Zuschauer.
Für sein Stück erhielt Menke-Peitzmeyer 2006 den Autorenförderpreis der Landesbühnengruppe im Deutschen Bühnenverein. Die Laudatio lobt insbesondere die Intensität des Textes: »Jörg Menke-Peitzmeyer hat einen atemlosen, sprachlich dichten Monolog geschrieben.« und: »Nun ist es dem Autor aber keineswegs nur um den Schock zu tun. Er relativiert klug, indem er, teils mit Witz, das Groteske der Verhältnisse, das nicht Gemäße auch des eigenen Verhaltens des Jugendlichen Rickert vor Augen führt. Rickert ist ein Antiheld, ein Ritter von der traurigen Gestalt. Jörg Menke-Peitzmeyer hat ein nötiges, beeindruckendes und mutiges Theaterstück über unsere Schulen geschrieben, die die Schulen des Lebens sind.«
Jörg Menke-Peitzmeyer lebt er als freiberuflicher Autor und Schauspieler in Berlin. Von 1998 bis 2002 studierte er am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Sein Stück »Steht auf, wenn ihr Schalker seid!« war 2006 für den deutschen Jugendtheaterpreis nominiert und wurde unter dem Titel »Steht auf, wenn ihr Borussen seid!« im Februar 2006 von Jürgen Zielinski am Theater der Jungen Welt aufgeführt.
Das Stück, das am Donnerstag, den 6.5.2011 in einer Klasse des Robert-Schumann-Gymnasiums Wiederaufnahme feierte, wird niemals im freien Verkauf für Theaterinteressierte angeboten. Diese auf den ersten Blick kuriose Beschränkung im Verkauf hat mit der besonderen und heiklen Substanz des Stückes selbst zu tun: »Erste Stunde« von Jörg Menke-Peitzmeyer ist nicht nur ein Klassenzimmerstück, es braucht auch den authentischen Rahmen, den Raum, den die Schüler als ihren eigenen ansehen. Und gleichzeitig spielt es mit der Dynamik dieser Situation »Klassenzimmer«.
Das Theater der Jungen Welt, Veranstalter dieser ungewöhnlichen Theaterform, hat in seinem Blog (www.blog.tdjw.de) bald hundert Kommentare zum Thema Mobbing erhalten und die überwiegende Zahl geht von der Annahme aus, eine Schule ohne Mobbing könne es nicht geben.
– »Eine Schule ohne Mobbing kann es theoretisch nicht geben, da man bei jeder Person etwas schlechtes findet …« (werdegu)
– »Ich glaube auch nicht dass es eine Schule ohne Mobbing gibt. Nur wenn es Leute gibt, die keine eigene Meinung haben, weil es ihnen dann egal ist, gibt es kein Mobbing.« (Degu Mäc)
– »Den Leuten, die das Opfer nicht gut kennen, ist es dann auch meistens egal, was mit dem Opfer gerade gemacht wird, und sie gucken einfach nur zu und schreiten nicht ein.« (AB)
– »Natürlich ist es wichtig, seine eigene Meinung zu haben, allerdings sollte man sich vorher überlegen, wie und gegen wen man sie verteidigt, sonst könnte solch eine Auseinandersetzung schnell zum Mobbing werden zum Nachteil des Opfers.« (Mäx)
Und genau mit diesem Wissen geht der junge Schauspieler Moritz Gabriel (in der Figur des Jürgen Rickert) in die Klasse und macht ihr ein fast dreist zu nennendes Angebot. Und schon bald wird die Grenze zwischen Theater und Realität flüssig, die Klasse wird ins Spiel einbezogen und in ihrer tatsächlichen Struktur durchsichtig.
THEATER IM KLASSENZIMMER: WIR KOMMEN AUCH ZU IHNEN!
Gastspiele im kleinen Rahmen sind unsere mobilen Klassenzimmerstücke, mit denen wir in die Schulen Leipzigs und der Region fahren.
Informationen: Besucherservice, Frau Nanasi, Tel. 0341/486 60-16
Presse: »… komplexe Passagen wechseln mit offensichtlicher Provokation. ›Wir wollen keine Fingerzeig-Pädagogik‹, sagt die Regisseurin.« (ddp, Verena Fricke)

